Was erwartet die Wirtschaft von Schulabgängern

- Eine Information (aus 1997) der niedersächsischen Industrie- und Handwerkskammer-

Die ausbildenden Unternehmen und Berufsschulen stellen zu Recht Ansprüche an die Schulabgänger. Berufsausbildung muss auf einer soliden schulischen Basis aufbauen können. Ausbilder und Berufsschullehrer sind nicht in der Lage, bei der Vermittlung von Wissen und Einstellungen von vorne anzufangen. Die Betriebe erwarten daher, dass am Ende der Schulausbildung die Grundlagen für eine stabile Persönlichkeit, für Gemeinschaftsfähigkeit, für Lern- und Leistungsbereitschaft gelegt sind und dass grundlegende Kenntnisse in allen Fächern erworben wurden. Zwar kann die Schule nicht für gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Erziehungsversäumnisse in den Elternhäusern verantwortlich gemacht werden. Aber sie muss diesen so weit wie möglich entgegenwirken. Leistungen der Schule stehen seit langem in der Kritik. Es wird ihr Versagen in der Wissensvermittlung und fehlender Mut zur Erziehung vorgeworfen. Was die Schule leisten kann und soll, wird kontrovers diskutiert. Dennoch gibt es Mindeststandards des Wissens, der Persönlichkeitsentwicklung und Gemeinschaftsfähigkeit, auf die sich die Verantwortlichen und Betroffenen verständigen müssen und können. Die Frage, was die Schule zu leisten hat, sollte nicht nur gestellt, sie muss auch beantwortet werden.
Was sollen also die Jugendlichen aus der Schule mitbringen?
Unternehmen stellen Persönlichkeitswerte, Motivationsfaktoren und grundsätzliche Werteinstellungen in den Vordergrund. Berufliche Sachzwänge und die Arbeit in den Unternehmen erfordern zwingend bestimmte arbeitsethische Grundeinstellungen. Diese oft als Sekundärtugenden diskreditierten Verhaltensmuster gewinnen beim Umgang mit moderner Technik noch an Gewicht. Aber auch Basiswissen in allen Lernbereichen wird vorausgesetzt.

I. Elementares Grundwissen in den wichtigsten Lern- und Lebensbereichen - Fachliche Kompetenzen -
Über die Diskussion der sogenannten Schlüsselqualifikationen darf nicht vergessen werden, dass in der Ausbildung konkrete Basiskenntnisse benötigt werden. Diese beziehen sich zumindest auf folgende Bereiche:
1. Grundlegende Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift
Als Mindeststandard setzen die Betriebe die Fähigkeit voraus, einfache Sachverhalte mündlich und schriftlich klar formulieren und aufnehmen zu können. Jugendliche sollten einfache Texte fehlerfrei schreiben (Rechtschreibung, Grammatik) und die verschiedenen Sprachebenen (zum Beispiel Jugendszene-, Alltags-, Fachsprache und gehobene Sprache) unterscheiden können.
2. Beherrschung einfacher Rechentechniken
Hierzu gehören die vier Grundrechenarten, Rechnen mit Dezimalzahlen und Brüchen, Umgang mit Maßeinheiten, Dreisatz, Prozentrechnen, Flächen-, Volumen- und Masseberechnungen und fundamentale Grundlagen der Geometrie. Hinzukommen sollten die Fähigkeiten, einfache Textaufgaben zu begreifen, die wichtigsten Formeln anzuwenden und mit Taschenrechnern umzugehen.
3. Grundlegende naturwissenschaftliche Kenntnisse
Grundkenntnisse in Physik, Chemie, Biologie und Informatik, aus denen Verständnis für die moderne Technik und eine positive Grundeinstellung zu ihr entwickelt werden können, müssen schulform- und altersgerecht verfügbar sein.
4. Hinführung zur Arbeitswelt -
Grundkenntnisse wirtschaftlicher Zusammenhänge

Die Schüler sollten einen ersten Einblick in die Wirtschafts- und Arbeitswelt erhalten haben - u.a. auch mit Hilfe von Praktika. Die Schule muss grundlegende Informationen über das Funktionieren unseres marktwirtschaftlichen Systems
und die Rolle der Unternehmen, des Staates, der Tarifparteien und Haushalte als wesentliche Aktionspartner im Rahmen unserer Gesellschaftsordnung vermitteln.
5. Grundkenntnisse in Englisch
Es ist wünschenswert, dass die Auszubildenden Grundkenntnisse in der Weltverständigungssprache Englisch mitbringen, die sie befähigen, sich über einfache Gegebenheiten und Situationen - auch beruflicher Art zu verständigen.
6. Kenntnisse und Verständnis über die Grundlagen unserer Kultur
Basiskenntnisse über die kulturellen Grundlagen der eigenen Nation und Europas sollten die Schüler in der Schule erworben haben. Dazu gehören Grundkenntnisse über deutsche und europäische Geschichte, über gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen, die ethischen Anforderungen und religiösen Formen und Inhalte unserer Kultur. Kenntnis und Akzeptanz dieser kulturellen Grundlagen sind Basis für die persönlichen und sozialen Kompetenzen wie zum Beispiel Leistungsbereitschaft, Kommunikationsund Konfliktfähigkeit und solidarisches Verhalten gegenüber Mitmenschen und Minderheiten.

II. Grundhaltungen und Werteinstellungen, die die Jugendlichen befähigen, den Anforderungen im Unternehmen gerecht zu werden - Persönliche Kompetenzen -


1. Zuverlässigkeit
Sie wird von den Unternehmen als Grundbedingung für erfolgreiches Zusammenarbeiten und die Erreichung von Zielen gesehen. Man muß sich darauf verlassen können, daß die Jugendlichen nach ihrer Leistungsfähigkeit die ihnen übertragenen Aufgaben wahrnehmen, auch unter widrigen Umständen und ohne dauernde Überwachung und Kontrolle.
2. Lern- und Leistungsbereitschaft
Eine Basisbedingung für erfolgreiche Ausbildung ist eine Einstellung, die sich am guten Ergebnis und am Erfolg orientiert. Arbeit und Ausbildung, der eigene Beruf, müssen positiv, als integrierende Bestandteile des eigenen Lebens gesehen werden und nicht als notwendige Übel im Hinblick auf vorrangige Freizeitorientierung. Jugendliche sollten von der Schule Neugier und Lust auf Neues mitbringen und diese in der Ausbildung aktivieren.
3. Ausdauer - Durchhaltevermögen - . Belastbarkeit
Erforderlich ist die Fähigkeit, auch da durchzuhalten, wo die Arbeit/Ausbildung als Belastung oder als widrig angesehen wird. Eine gewisse Frustrationstoleranz müssen die Jugendlichen aus Schule und Elternhaus mitbringen. Die Jugendlichen sollten gelernt haben, nicht bei jedem Mißerfolgserlebnis oder vorläufigem Ausbleiben des Erfolges aufzugeben.
4. Sorgfalt - Gewissenhaftigkeit
Die betrieblichen Aufgaben erfordern Genauigkeit und Ernstnehmen der Sache. Man kann nicht immer "fünf gerade sein lassen" und alles "locker angehen", wie es der derzeitigen Jugendkultur oft entspricht. In diesen Zusammenhang gehören Stichworte wie Selbstdisziplin, Ordnungssinn, Pünktlichkeit und ähnliche inzwischen diskreditierte Werte, die derzeit in der Rangskala sehr niedrig stehen, aber im Betrieb unabdingbar sind.
5. Konzentrationsfähigkeit
Sie hat nach den Klagen aller Betroffenen in den letzten Jahrzehnten in besorgniserregendem Ausmaß abgenommen. Die Fähigkeit, sich auf eine bestimmte Aufgabe zu konzentrieren und diese Konzentration länger als fünf bis zehn Minuten aufrechtzuerhalten, muss den Jugendlichen bereits in der Schule anerzogen worden sein. Anders ist Leistung nicht möglich.
6. Verantwortungsbereitschaft - Selbständigkeit
Sie wachsen zwar im Laufe der Berufsbildung und der betrieblichen Arbeit, müssen aber im
Ansatz bereits vorhanden sein. Es geht um die Fähigkeit, für etwas einzustehen, auch wenn es einmal mißlingt. Arbeit, Unangenehmes, Lästiges, Verantwortung sollten nicht auf andere abgeschoben werden.
7. Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik
Kritikfähigkeit bedeutet nicht pausenlose Diskussion über alles und jedes, sondern die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, ein Ablehnen oder Befürworten aus der Natur der Sache heraus. Genauso wichtig ist allerdings die Fähigkeit zur Selbstkritik, Fehler einzusehen und zu Korrekturen bereit zu sein.
8. Kreativität und Flexibilität
Diese Eigenschaften gewinnen zunehmend an Bedeutung. Nicht jeder kann allerdings zu einem kreativen Problemlöser werden. Doch sollte zumindest die Fähigkeit entwickelt sein, im Ansatz auch eigene Ideen hinsichtlich der alltäglichen betrieblichen Aufgaben und der Organisation des eigenen Arbeitsplatzes hervorzubringen und sich in neue Aufgabenbereiche einzuarbeiten.

III. Soziale Einstellungen, die die Zusammenarbeit in der Organisation Betrieb ermöglichen - Soziale Kompetenzen -

1. Kooperationsbereitschaft - Teamfähigkeit
Nicht Eigenbrötler, auch nicht einsame Tüftler sind in der Regel gefragt, sondern auf Kooperation, auf den Austausch von Informationen, Erfahrungen, Verbesserungsvorschlägen ausgerichtete Mitarbeiter. Zusammenarbeit im Betrieb ist zwingend. Vor allem die neuen betrieblichen Organisationsformen sind wesentlich auf Kooperation angelegt.
2. Höflichkeit-Freundlichkeit
Aggressives, ruppiges oder flegelhaftes, auch nur unhöfliches Verhalten ist innerbetrieblich leistungshemmend. Nach außen stören derartige Umgangsformen die Beziehungen zu Lieferanten, zur Öffentlichkeit und vor allem zu den Kunden. Die Unternehmen erwarten, dass die Schule der Zerstörung höflicher Umgangsformen entschlossener entgegenwirkt.
3. Konfliktfähigkeit
Notwendig auftretende Differenzen bei Meinungen und Haltungen sollten friedlich und konstruktiv verarbeitet werden können, ohne offene und versteckte Aggressionen. Das setzt Sprach- und Argumentationsfähigkeit voraus und die Fähigkeit, aufkeimenden Ärger und Aggression zu kanalisieren.
4. Toleranz
Jugendliche müssen in der Lage sein, auch dauerhaft abweichende Einstellungen, Verhalten und Meinungen bei anderen als gegeben hinzunehmen. Sie sollten aber gleicherweise deutlich und klar ablehnen, was gegen die Basiswerte unserer Gesellschaft verstößt, und damit Grenzen der Toleranz setzen können. Sie sollten also intolerant sein gegen Aggressivität, Verletzung humaner Grundwerte, Störungen des Betriebsfriedens und nicht zuletzt gegen Leistungsverweigerung.
Dies alles sind Basisanforderungen. Vieles wäre darüber hinaus wünschenswert. Aber das Wünschenswerte ist nicht das Realistische, zumindest bei einem Teil der Schüler, deren Leistungskapazität begrenzt ist. Die Schule muss sich daher auf Beseitigung der klar erkennbaren Defizite konzentrieren, Basiswissen sowie grundlegende Werte und Einstellungen vermitteln. Emanzipation, das Schlüsselwort der 70er und 80er Jahre, ist zwar nicht obsolet, sie darf jedoch nicht länger als überragendes oder gar einziges Erziehungsziel angesehen werden. Die Leitziele Emanzipation und Selbstverwirklichung müssen stärker ergänzt werden durch Pflicht- und Verantwortungswerte, die es erst ermöglichen, Leistung zu erbringen und Verantwortung für andere zu übernehmen.

LER-Info Nr. 62 / Januar 1998